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Josip Saric:
«Auch ich sprach kein Wort Deutsch, als ich als Kind in die Schweiz kam»

Josip Saric ist Sekundarlehrer für Sport, Geschichte und Geografie an der Orientierungsstufe des Inselschulhauses (Basel-Stadt)

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«Während des Studiums habe ich an mehreren Schulen von Basel-Stadt als Stellvertreter gearbeitet. Beworben habe ich mich nie, sondern bin immer direkt ins Sekretariat marschiert und habe mich persönlich vorgestellt: ‹Guten Tag, ich studiere Sport an der Uni und möchte nebenbei unterrichten.› So bin ich zu ganz vielen Vertretungen gekommen, und irgendwann hat es mich dann auch ins Inselschulhaus im Kleinbasel verschlagen. Ich kenne das Quartier sehr gut. Ich habe als Kind selbst hier gewohnt.

Im Inselschulhaus werden Schülerinnen und Schüler auf der Orientierungsstufe, also vom fünften bis zum siebten Schuljahr unterrichtet. Es hat mir hier auf Anhieb besonders gut gefallen, denn ich hatte ganz zu Beginn ein spezielles Erlebnis: Es war während der Adventszeit, ich war gerade mal zwei Tage im Schulhaus – und wurde vom Kollegium doch tatsächlich ans Weihnachtsessen eingeladen! Während an den anderen Schulen ziemlich strikt zwischen Arbeit und Privatleben getrennt wurde, spürte ich hier von Anfang an ein starkes Interesse an mir als Person: ‹Wer bist du? Woher kommst du?› Es war eine gesunde Neugierde, die mir sehr entsprochen hat. Somit bin geblieben. Ich habe 2006 mit einem Teilpensum von neun Stunden begonnen, seit drei Jahren bin ich festangestellt und arbeite über 80 Prozent. Ich unterrichte Sport, Geschichte und Geografie und bin Co-Klassenlehrer, zusammen mit einer Kollegin, die Deutsch und Französisch unterrichtet. Meine Klasse ist eine sogenannte DAZ-Klasse. DAZ steht für Deutsch als Zweitsprache. Viele meiner Schülerinnen und Schüler lernen erst einmal Deutsch, wenn sie neu hier zur Schule gehen.

Die Kinder mit ihren unterschiedlichsten Hintergründen und Interessen zu verstehen und sie zu integrieren, dies alles ist eine grosse Aufgabe hier in unserem Schulhaus. Dieser Aufgabe stelle ich mich gerne. Das hat natürlich mit meiner eigenen Geschichte zu tun: Auch ich sprach kein Wort Deutsch, als ich im Sommer 1990 mit meiner Familie in die Schweiz gekommen bin, auch ich musste als Jugendlicher nochmals von vorne anfangen. Geboren und aufgewachsen bin ich im heutigen Kroatien im Osten des Landes. Deshalb kann ich gut nachvollziehen, wie es meinen Schülern und Schülerinnen ergeht. Und weil sie meinen eigenen Hintergrund kennen, weil sie zum Teil mit meiner Familie bekannt sind, reagieren sie vertrauensvoll. Sie sehen, dass man aus ihrer Position heraus etwas erreichen kann, dass auch ihnen viele Wege offen stehen. Aber die Heterogenität ist ganz klar herausfordernd. Wichtig ist, dass man sich ständig mit dem Kollegium austauscht, viel über die Schüler diskutiert und sich gut vorbereitet. Ich mache das mit grosser Begeisterung.

Am Anfang habe ich nur Sport unterrichtet, mein Masterfach an der Universität. Vor kurzem habe ich begonnen, neben der Schule noch Geschichte zu studieren, und seither sehe ich die Jugendlichen differenzierter. Während ich früher davon ausging, dass Schüler, die sportlich gute Leistungen erbringen, auch in den übrigen Fächern erfolgreich sind, weiss ich inzwischen, dass der Umkehrschluss nicht stimmt: Kinder, die im Sport schwach sind, haben oft in anderen Bereichen ausgeprägte Stärken. Zu erkennen, wie top manche Kinder sind, die ich mit meinem Sportlehrerblick für eher schwach hielt, war für mich ein Aha-Erlebnis. Unsere Schule lässt das auch zu. Am Gymnasium, wo ich eine Zeitlang gearbeitet habe, waren die Schüler sehr aufs Lernen und den vorgegebenen Stoff fokussiert. Hier hingegen versuchen wir, individuelle Stärken zu fördern. Es gibt sehr viel musisch Begabte, Kinder, die aus künstlerisch-kreativen Elternhäusern stammen. Andere sind eher manuell stark. Einer beispielsweise hat aus Schuhschachteln eine Achterbahn nachgebaut. Mit Physik und Mathematik hatte dieser Schüler nichts am Hut, aber sein Projekt war so genial, dass wir es im Schulhaus ausgestellt haben.

Für mich ist es wichtig, dass die Kinder in den drei Jahren, die sie auf der Orientierungsstufe verbringen, Fortschritte machen. Das gilt besonders für diejenigen, die neu in der Schweiz ankommen: Sie sollen hier einen gewissen Level erreichen, so dass sie später fähig sind, eine Lehre zu meistern. Auf dieses Ziel arbeite ich mit meinen Schülern und Schülerinnen hin, es motiviert mich tagtäglich. Auch die Kinder an sich, ihre spontane und unvoreingenommene Art sind mein Motor für diesen Beruf. Zudem freut es mich, ein Vorbild zu sein. Ich zeige den Kindern gerne Alternativen auf, ‹schau, es gibt nicht nur den Weg, den deine Eltern dir vorgegeben haben.› Viele Kinder sind stark in ihren familiären Strukturen verhaftet. Das versuche ich etwas zu durchbrechen.

Ob der Lehrerberuf negative Seiten hat? Nun, es ist jedenfalls ein zeitaufwendiger Beruf, mit Elternabenden, Gesprächen, Lehrerkonferenzen und vielem mehr. Ich bin eigentlich ständig online, in ständiger Bereitschaft. Wenn ich nach Hause komme, schalte ich nicht ab, sondern bereite mich für den nächsten Tag vor oder überlege mir ein Projekt für die kommende Woche. Das muss ich unbedingt noch lernen: Abschalten. Zum Teil gelingt es mir durch den Sport. Meine Tage sind neben der Schule mit Handball, Tennis und vor allem Fussball ausgefüllt, im Winter spiele ich ausserdem Theater. Beim Sport und auf der Bühne habe ich Kollegen, die aus ganz anderen Welten kommen, die mit Schule nichts zu tun haben. Dieser Ausgleich ist mir wichtig, um manche Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Wer das nicht tut oder kann, läuft als Lehrer schnell Gefahr, etwas eigen und rechthaberisch zu werden. Im Lehrerzimmer führt das manchmal zu Konflikten.

Ich finde es wichtig, dass man sich für diesen Beruf 100-prozentig und mit ganzem Herzen entscheidet. Man kann nicht eine Ausbildung zum Lehrer absolvieren und dann Treuhänder werden. Wer sich also nicht ganz sicher ist, sollte es meines Erachtens besser sein lassen. Denn wenn ich’s mache, dann mache ich es ganz. Es liegt meine ganze Persönlichkeit in diesem Beruf.»