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Andrea Höchli:
«Das Masterstudium erlebe ich als eine tolle Ergänzung zum praktischen Schulalltag»

Andrea Höchli ist Primarlehrerin in Effingen AG und im Masterstudium für Educational Sciences an der Pädagogischen Hochschule FHNW

«Nach meinem Bachelorabschluss für die Primarstufe an der Pädagogischen Hochschule habe ich beschlossen, das Masterstudium Educational Sciences anzuhängen.  Ich war sehr motiviert weiterzumachen, und den wissenschaftlichen und theoretischen Bereich der Erziehungswissenschaft zu vertiefen. ‹Educational Sciences› ist ein interessanter Master-Studiengang, den die Pädagogische Hochschule der FHNW gemeinsam mit der Universität Basel anbietet.

Neben dem Studium arbeite ich seit zwei Jahren in einem 40-Prozent-Pensum als Primarlehrerin in Effingen, Kanton Aargau. Ich unterrichte eine gemischte erste und zweite Klasse. Unsere Schule ist vergleichsweise sehr klein und ländlich geprägt. Grundsätzlich gefällt es mir, Praxis und Studium zu verknüpfen. Ich kann mir vorstellen, auch nach dem Masterabschluss auf zwei Standbeinen, als Lehrerin und Erziehungswissenschafterin tätig zu sein.

Im ersten Studienjahr des Masterstudiengangs, das ich gerade abgeschlossen habe, haben wir uns unter anderem mit zwei aktuellen Theoretikern beschäftigt, die auch oft in den Medien auftauchen: Lutz Jäncke, ein Neurowissenschafter in Zürich, und John Hattie, ein neuseeländischer Bildungsforscher. Ihre Schriften zu lesen, sie zu reflektieren, Überschneidungen zu finden mit dem Stoff, den wir an der PH vermittelt bekamen, aber auch Widersprüche zum ehemals Gelernten zu entdecken – all das finde ich faszinierend. Auch zu erkennen, dass nichts abschliessend ist, dass man scheinbar fixe Lehrmeinungen durchaus anzweifeln darf und dass oftmals die Praxis einige Theorien relativiert. Jäncke zum Beispiel befasst sich mit der Frage, wie Kinder neurophysiologisch lernen, und er beleuchtet – und hinterfragt – aus dieser Warte die an den Schulen angewandten Methoden.

Das Masterstudium kann ich recht eigenständig ausgestalten mit den Inhalten, die mich interessieren. Auch die Diversität der Studierenden gefällt mir. Es gibt Ältere, die schon mehrere Jahre an einer Schule tätig waren und sich jetzt weiterbilden. Oder ich treffe Studierende von der Uni, die aus einem anderen Fach kommen und in ‹Educational Sciences› bestimmte Vorlesungen besuchen. Für die Leistungsnachweise der Seminare, die ich besucht habe, schreibe ich zurzeit Semesterarbeiten. In der einen befasse ich mich mit Schularchitektur, konkret mit der Frage, wie die Einrichtung eines Schulzimmers auf ihre ‹Bewohner› wirkt. Es ist ein grosses Gebiet, in das ich mich gerade einlese, zu Stichworten wie ‹Raum und Macht› oder ‹Körperlichkeit in der Schule›.

Was mich immer wieder fasziniert: dass Kinder anders ‹ticken› als Erwachsene. Dieses spezifische Kinderdenken, der Umgang mit Menschen und die Freude an der Wissensvermittlung waren für mich die Auslöser, weshalb ich Lehrerin werden wollte. Was für Erwachsene glasklar ist, sehen Kinder oft aus einer ganz anderen Perspektive. Als Lehrerin muss ich lernen, darauf einzugehen, damit ich über das Gleiche rede und an die Kinder herankomme. Das Schöne dabei ist, dass extrem viel zurückkommt. Ich merke, dass man etwas Sinnvolles tut – und gleichzeitig viel Verantwortung trägt. Als Erst- und Zweitklasslehrerin bin ich bestrebt, den Kindern einen positiven Einstieg in die Schule zu ermöglichen, sowie grundlegende Fähigkeiten für eine erfolgreiche Schullaufbahn zu vermitteln. Eine wichtige und schöne Aufgabe.

Der Unterricht im Klassenzimmer ist aber nur ein Teil des Jobprofils. Ebenso wichtig ist die Teamarbeit. An unserer Schule in Effingen sind wir ein sehr kleines Team. Es besteht aus mir und einer weiteren Lehrperson, einer Kindergärtnerin, einer Heilpädagogin und drei Fachlehrpersonen. Wir unterrichten insgesamt 20 Kinder von der 1. bis zur 5. Klasse. Wenn noch die 6. Klasse dazustösst, die im Kanton Aargau ab Schuljahr 2013/2014 neu eingeführt wird, sind es dann etwas mehr Kinder. Die gut funktionierende und unterstützende Zusammenarbeit im Team ermöglicht es mir, mich mit Freude auf meine Hauptaufgabe, das Unterrichten, zu konzentrieren. Aktuell bereiten wir uns auf eine Evaluation vor, das heisst eine aussenstehende Person nimmt unser Schulhaus und den Unterricht unter die Lupe. Ich bin gespannt, ob sich meine subjektive Sicht mit der objektiven Wahrnehmung decken wird.

Als Lehrerin und Studentin bin ich immer wieder mit Klischees konfrontiert. Eines davon sind die ‹vielen Ferien›. Wenn man in den Berufsalltag einer Lehrperson hineinsieht, relativiert sich das stark: Dieser Beruf ist sehr intensiv, insofern braucht es diese Zeitfenster, um sich zu organisieren und vorzubereiten und durch den zeitlichen Abstand wieder mit neuer Energie und Motivation an die Arbeit zu gehen. Für mich fallen zudem die Herbst- und Frühlingsferien weg, weil ich in diesen Wochen Vorlesungen habe. Ein anderes Vorurteil, das eher unter Lehrpersonen verbreitet ist, betrifft die Eltern: Diese würden zunehmend die Erziehungsverantwortung an die Schule delegieren, heisst es. Ich persönlich erlebe das nicht so – wobei ich bei meinen Schulkindern intakte und unterstützende Familiensituationen antreffe.

Das Dokumentieren des Unterrichts, das manche Kolleginnen und Kollegen belastend empfinden, sehe ich als Teil der Arbeit. Denn es dient dem Kind und seiner optimalen Förderung. Das Lernportfolio zum Beispiel, das wir für jedes Kind führen, finde ich etwas Positives und Sinnvolles. Ich kann mir zwar vorstellen, dass der Aufwand gegenüber früher zugenommen hat und dass es für ältere Lehrpersonen nicht so einfach ist, sich umzustellen. Aber ich finde es wichtig, wenn Beurteilungen und Noten für die Eltern nachvollziehbar sind. Für die Lehrperson dient das Ganze der Reflexion und der Selbstkontrolle: Man macht sich bewusst, wie und warum man etwas tut.

Eine Gefahr des Lehrerberufs ist, dass die Schule eine Lehrperson zu vereinnahmen droht. Man ist quasi nie ‹fertig›. Ich persönlich versuche, ein klares System zu haben, um dem entgegenzuwirken: Alles, was mit dem Unterricht zu tun hat, erledige ich in der Schule. Die Unterlagen fürs Studium hingegen sind zu Hause. So grenze ich mich ab und versuche, eine gute Work-Life-Balance zu pflegen.»