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Roger Mäder:
«Ich vermittle Strategien zum Umgang mit Lernschwierigkeiten»

Roger Mäder ist Heilpädagoge an der Sekundarschule Pratteln.

«Ich arbeite seit vier Jahren als schulischer Heilpädagoge an der Sekundarschule Pratteln, und seit drei Jahren absolviere ich berufsbegleitend den Master-Studiengang Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule FHNW. Als schulischer Heilpädagoge arbeitet man intensiv und ganzheitlich mit einzelnen Schülern, die etwa verhaltensauffällig sind oder eine Lernbehinderung haben.

Ich kam nicht auf direktem Weg zur Sonderpädagogik. Ich absolvierte erst bei einer Versicherung eine kaufmännische Lehre mit Berufsmatur. Damals stand bei mir der Sport im Vordergrund: Ich spielte Handball als Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft. Nach der Lehre arbeitete ich Teilzeit, in verschiedenen Bereichen. Nach dem Profihandball merkte ich, dass ich mich beruflich neu orientieren möchte.

Da ich schon immer einen guten Draht zu Kindern hatte, und mir das Kreative, Gestalterische gefiel, entschied ich mich, Primarlehrer zu werden. Nach dem Abschluss übernahm ich verschiedene Stellvertretungen unter anderem auch an der Sekundarschule Pratteln. Hier wurde mir schliesslich eine Stelle als Lehrer für die Integrative Schulungsform (ISF) angeboten. Daneben startete ich das Masterstudium in Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule.

Als ISF-Lehrer unterrichte ich sechs Schüler, die zwar in die normale Niveau-A-Klasse (A = Allgemeine Anforderungen) der Sekundarschule integriert sind, die aber spezielle schulische und soziale Lernbedürfnisse haben. Ich arbeite eng mit dem Klassenlehrer zusammen. Gegenseitiges Vertrauen und eine gute Absprache sind dabei das Wichtigste, denn es gibt kein Patentrezept, wie Klassenlehrer und schulischer Heilpädagoge sich am besten organisieren.

Meine Schüler brauchen in einzelnen Fächern spezielle Inputs. Ich betreue jeden Schüler individuell, nehme ihn ab und zu aus der Klasse heraus und bespreche mit ihm ein spezifisches Problem. Abladen, reden, schauen, wie’s läuft – das gehört neben dem Fachlichen genauso zur Rolle des schulischen Heilpädagogen. Als Heilpädagoge bist du derjenige, der unterstützt und versteht. Das schafft eine spezielle Vertrauensbasis. Ich kann eine Lernbehinderung nicht «beseitigen» und ich kann sie auch nicht «heilen». Ich versuche, meinen Schülerinnen und Schülern Strategien zum Umgang mit Lernschwierigkeiten und Erfolge zu vermitteln, um so ihr Selbstwertgefühl zu stärken.

Für den Master habe ich mir die nötige Zeit genommen, pro Jahr habe ich immer nur drei Module abgeschlossen. Das Studium ist recht weit gefächert, und je nach Vertiefungsrichtung kann man sein Wissen in einem Heim oder in der Schule anwenden. Obwohl es nicht spezifisch auf die Oberstufe zugeschnitten ist, habe ich für meinen schulischen Alltag sehr viel mitgenommen, insbesondere bei Themen wie Entwicklungs- und Lernpsychologie, Spezielle Pädagogik oder Förderdiagnostik und Förderplanung.

Einen Teil meines Studiums machen Reflexionsseminare aus, in welchen wir Studierenden der Sonderpädagogik unsere Erfahrungen untereinander austauschen. Ein wiederkehrendes Thema ist die vorgesehene Auflösung von Kleinklassen, beziehungsweise die Integration lernbehinderter oder verhaltensauffälliger Schülerinnen und Schüler in die Regelklassen. Wir debattieren intensiv: Gehen lernschwache Kinder und Jugendliche in einem grossen Klassenverband unter? Oder bringen diese das Niveau der Regelklasse zum Sinken? Meines Erachtens gibt es dazu keine eindeutigen Antworten. Manche Kinder mit Lernbehinderung fühlen sich in der Regelklasse gut aufgehoben, andere leiden in dieser Umgebung.

Im Moment arbeite ich an meiner Master-Arbeit. Ich habe über vier Monate mit drei Klassen untersucht, ob Schüler lieber schreiben, wenn sie bloggen. «Youtype» heisst die Website, die ich kreiert habe, unterstützt von meiner Mentorin an der Pädagogischen Hochschule FHNW. Auf «Youtype» schreiben die Schüler unter einem Pseudonym verschiedene Texte zu unterschiedlichsten Themen. Die Texte sind öffentlich und können von allen gelesen werden. Aber nur wer angemeldet ist, kann die Beiträge auch kommentieren und bewerten oder «liken». Die Daten habe ich noch nicht im Detail ausgewertet, aber grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass das Projekt ein Erfolg ist. Natürlich sind nicht alle gleich motiviert, Texte zu verfassen, doch Social Media finden alle cool. Auch für mich selbst war das Projekt sehr positiv, zumal ich dadurch Studierende und Dozierende aus anderen Fachrichtungen der Pädagogischen Hochschule kennengelernt habe. Das finde ich sehr spannend. Man stösst eine Türe auf, und plötzlich eröffnen sich neue Wege und Kontakte.»