Themen: , , , ,

Pietro Roggli:
«Das Leben lässt sich nur live leben und nicht in der Wiederholung»

Pietro Roggli, Vorschul- und Primarstufe

Bevor ich Primarlehrer wurde, war ich Koch. An diesem Beruf gefiel mir, wie man aus wenigen, teils einfachsten Zutaten eine enorme Vielfalt an Gerichten kreieren kann. Auch die Teamarbeit machte mir Freude. Man muss in der Küche sehr gut im Team arbeiten können, um auf die Sekunde genau ein gemeinsames Ergebnis zu erzielen. Schon bald merkte ich, dass ich besonders aufblühte, wenn ich meine Erfahrung weitergeben und Leute ausbilden konnte.

Nach rund 20 Jahren im Beruf musste ich irgendwann feststellen, dass mir die Leidenschaft fürs Kochen etwas abhandengekommen war. Das war für mich kein gutes Zeichen. Als Koch braucht man Leidenschaft. Wer ohne Leidenschaft kocht, macht fades Essen.

Mein Drang nach Veränderung wuchs, und ich  achte eine Standortbestimmung mit dem Berufsberater. Das Ergebnis war eindeutig: Ich hätte eine starke Neigung, Wissen zu vermitteln, hiess es. Neben der Berufsberatung bezog ich Freunde in die Entscheidung mit ein. Auch von ihnen hörte ich in einer für mich fast schockierenden Klarheit: «Wir sehen dich als Lehrer!»

Nach der grundsätzlichen Entscheidung kamen die praktischen Herausforderungen. Die Verantwortung für die Versorgung einer Familie mit vier Kindern machte es mir nicht leicht, mehrere Jahre auf die Sicherheit eines geregelten Einkommens zu verzichten. Ausserdem war ich noch gar nicht zum Studium zugelassen. Ich besuchte einen Vorkurs. Das hiess für mich: arbeiten gehen, um halb fünf duschen, ab in den Kurs und nachher Aufgaben machen. Am Montag ging ich in den Matheunterricht, am Dienstag ins Deutsch, am Mittwoch ins Französisch und so weiter. Das war sehr intensiv, doch trotz der grossen Belastung lebte ich auf.

Als ich die Zulassung erhielt, war ich sehr dankbar, dass ich diese Ausbildung machen durfte. An der PH spürte ich ein starkes Engagement und die Ernsthaftigkeit meiner Dozenten. Aus meinem früheren Berufsleben konnte ich viele Erfahrungen in die Lehrtätigkeit mitnehmen. Wie in der Küche gibt es in der Schule einfache Grundzutaten, mit denen unter Beigabe von Know-how und Fantasie der Unterricht gestaltet wird. Auch meine Erfahrung in der Verständigung mit anderen Kulturen hilft mir im Schulhaus.

Als ich in die Schule kam, fühlte ich mich gleich sehr willkommen. Kolleginnen und Kollegen vermittelten mir den Eindruck, eine erwünschte Ergänzung im Kollegium zu sein. Auch im Umgang mit den Kindern und den Erziehungsberechtigten vertiefte sich dieses Empfinden. Meine Biografie ist hilfreich für die vielschichtigen Aufgaben als Lehrer. Nach 25 Jahren in der Wirtschaftswelt, mit eigenen Kindern, kann ich in der Rolle als männliche Lehrperson auf Ressourcen zugreifen, die auch von Eltern- und Kinderseite geschätzt und respektiert werden.

Es gibt etliche Situationen, die ich aus eigenem Erleben gut nachempfinden kann. An unserer Schule streben wir ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis bei Lehrpersonen an. Die bereichernde Ergänzung und gegenseitige Wertschätzung sind meines Erachtens grundlegende Werte und Kraftquellen. Bei Bedarf kann ich bei Elterngesprächen auf die wertvolle Ergänzung und Unterstützung durch meine Kolleginnen zählen. Manchmal kann ich so auch Väter und Mütter zur aktiven Mitwirkung ermutigen. Und wenn diese dann am Schulalltag ihres Kindes teilnehmen, signalisieren sie: Was du in der Schule erlebst und lernst, ist wichtig.

Das kann motivieren. Umgekehrt nehme ich auch Teil am Leben des Kindes ausserhalb des Schulzimmers und an seinen Emotionen. Doch auch da gilt es, sich respektvoll und professionell abzugrenzen. Mein nächstes berufliches Ziel ist, noch mehr Routine in der Vorbereitung der Lektionen zu gewinnen, um im Unterricht umso mehr auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können. Ob ich heute noch einmal gleich entscheiden würde bei der Wahl des Erstberufs, weiss ich nicht. Das Leben lässt sich nur live leben und nicht in der Wiederholung.

Auf jeden Fall bin froh und dankbar, dass meine Entscheidung, in den Lehrberuf umzusteigen, richtig war.